HC#1_Live Review: Anna Calvi, 19.1.2019, Freiheizhalle, München

In which Heavy is lucky enough to see Anna Calvi play live – at the “Freiheiz”, Munich, on January 19 2019 and later introduce her (in his head) to her spirit forbear Aphra Behn who wrote kickass drama The Rover.
[Note: there will be some posts in English, some in German. Each English post will have a German abstract and vice versa.]

Anna Calvi, The Hunter, 2018 (<– ist Klasse!)

Alphabetisierte Liste der Bands und Musiker, an die sich Heavy beim Anna Calvi-Konzert erinnert fühlte, fett gedruckt die Musiker, die am stärksten assoziiert wurden:

  • Bruce Springsteen (Nebraska, Tunnel of Love)
  • David Bowie
  • Die Musik, die Iceage gerne machen würden
  • Eine der Sirenen
  • Elvis Presley
  • Godflesh (yep)
  • Iggy Pop
  • Jeff Buckley
  • Jimi Hendrix
  • Kyuss/frühe QOTSA
  • Maria Callas
  • Nick Cave
  • Nine Inch Nails
  • Nino Rota
  • Patti Smith
  • Phil Spector
  • Rose Kemp
  • PIL
  • PJ Harvey
  • Pulp
  • Siouxshie and the Banshees
  • Suicide
  • Treibender Postpunk

Man könnte (man sollte!) ein unglaublich gutes Mixtape aus dieser Versammlung von Musikern machen. Man kann aber auch einfach Anna Calvi hören.

<tatsächliche Konzertreview>Nach dem ihre hervorragend und selbst nicht uncharismatisch im Hintergrund agierende Band, an Schlagzeug, Percussion (Alex Thomas), Synthesizer, Schifferklavier, Gitarre und diverses Anderes (Mally Harpaz) sich hinter ihren Instrumentenburgen eingerichtet haben, kommt Anna Calvi in einem provozierend ruckartigen, langsamen Gang auf die Bühne. Dort schaut sie direkt und unverwandt ins Publikum, Konfrontation suchend und darstellend. </tatsächliche Konzertreview>

Selten kommt die virtuose Beherrschung von gleich zwei Instrumenten – Stimme und Gitarre – so mit einem starken Stilwillen und inhaltlicher Intention zusammen wie bei Anna Calvi. „Beeinflusst“ von den oben genannten Künstlern heißt hier nicht nur name-dropping oder Möchtegernerismus, sondern eher als ließe sie die Geister dieser Titanen in sich hineinfahren und aus ihr singen, schreien, spielen, schlagen. Anna Calvi vollbringt ein Pfingstwunder des heiligen Geistes des Rock’n’Roll.

So gesehen am 16.1.2019 in der Freiheizhalle, München. (Abb. ähnlich)

<tatsächliche Konzertreview> Der gloriose und virtuose Lärm, den Calvi dabei mit ihrer Gitarre entfacht, wird auf Nummern wie “Indies or Paradise” , die auf der neuen Platte The Hunter eher abzufallen scheinen, oder dem älteren “Suzanne and I” im Einvernehmen mit der mächtigen, der harten Untergrundmusik entlehnten Soundwand, die Thomas und Harpas kreieren, zu einem veritablen Livemonster von erdrückender (wenn nicht Erd-rückender) wie entzückender Wucht. Von Swans und Godflesh bzw. den Titanen des Wüstenrock lernen heißt klotzen lernen. </tatsächliche Konzertreview>

So interessant das auch sein mag, soll es hier jedoch auch um etwas anderes gehen. Calvi hat sich in einem programmatischen Post gegen die binäre Geschlechterordnung gewandt und als neues Paradigma den Begriff Spektrum vorgeschlagen, auch das ist nicht neu.

<tatsächliche Konzertreview> Beeindruckend ist aber, wie sie auf der Bühne wie zur Illustration ein ganzes Spektrum maskuliner und femininer Performanz entfaltet und durchmischt, bald wie Angus Young unter ihren Locken hervorstiert, bald wie Elvis sneert, dann ihre Haare wie eine von Sigourney Weaver gespielte Rachegöttin ihr Gesicht umrahmen lässt, eine an Marlene Dietrich gemahnende Kombination aus hoch abschließender schwarzer Hose mit weißer Bluse samt Vatermörderkragen trägt, ihre Stimme feminin flüstern, dann wie Maria Callas schmettern lässt und dabei die Gitarre wie Jimi, Josh und Jack traktiert. Worte kommen hier zu kurz oder wirken wie heischende Hyperbole.

Zum kompletten Instagrampost geht’s hier.

Auf einer wie von David Lynch meist in dunkelroten Tönen ausgeleuchteten Bühne eines halbseidenen1 Etablissements präsentiert sich Anna Calvi selbst als Jäger(in), als „Hunter“, die/der metaphorisch durch Feld und Wald (in Wirklichkeit durch Bars und Clubs auf der Suche nach einem Geschlechtspartner) streift auf der Suche nach Beute, ein Wanderer im Niemandsland geschlechtlicher Nichtfestschreibung (Weichschreibung?).

“Hunter”, der Titeltrack des neuen Albums und Hits epischer Größe wie Swimming Pool bilden das Gegenstück zu den schwerer rockenden und stampfenden Nummern, bei letzterem entlockt Calvi der Gitarre harfenartige Töne, und lässt ihre voluminöse Stimme in Cinemascope-Refrains zu voller Kraft auffahren. </tatsächliche Konzertreview>

Frauen, die aus ihren Geschlechterrolle fallen, gibt es schon lange. Und oft hat das karnevalistisch verkleidende Spiel mit dem Geschlecht etwas mit Verlangen, Begierde, Sexualität zu tun. Anna Calvi lässt da in ihrer teils lasziven, teils passioniert ausrastenden Gestik keine Fragen offen.

Aber nehmen wir beispiels- und bekannterweise Viola (“Was Ihr Wollt”) und Rosaline (“Wie Es Euch Gefällt”), zwei der beeindruckendsten Heroen des Shakespeareschen Werks, zwei Frauen, die sich als Männer verkleiden (was doppelt witzig/verwirrend, bzw. im Sinne der Genderfluidität spektral ist, wenn man sich dazu denkt, dass Viola und Rosaline zu Shakespeares Zeit von Jungen vor dem Stimmbruch gespielt wurden), um zu bekommen, was sie wollen.

 (Photograph: Joan Marcus)
Samuel Barnett und Mark Rylance als Viola und Olivia in einer komplett männlich besetzzten Inszenierung von Shakespeares “Was Ihr wollt” Foto: Joan Marcus. Quelle und mehr Informationen hier.

Weniger bekannt sind die Frauen aus dem Drama „The Rover“, zu deutsch Der Wanderer, von Aphra Behn. Betrachten wir wie hier, in einem Drama aus dem Jahr 1677, Frauen in einem wilden neapolitanischen Karneval zu Agenten ihrer eigenen Begierde werden und dabei das abgesteckte Gebiet der eigenen Geschlechterrollen übertreten und – teilweise – in Hosenrollen Fremdland betreten.

Das wollen/können/sollen wir aber nicht ohne zuvor einen Blick auf Behns draufgängerische Biographie geworfen zu haben. Empfehlenswerte Jahrgänge: 1663, 1665, 1666 (Spionin! “Behn. Aphra Behn.” So oder so ähnlich wird sie sich vorgestellt haben), 1682, 1689.

Man beachte, wie die Herausgeberin in kodifizierter Form (gelbe Punkte zur Verdeutlichung eingefügt) ihre Meinung zu der Biographie Behns in den Text hat einfließen lassen.

Nun aber zu Hellena, der weiblichen Protagonistin in “The Rover”. Gleich in der ersten Szene wird klar, mit wem man es hier zu tun hat, als sie Florindas Weigerung, den ihr zugedachten Greis zu heiraten, begeistert quittiert: “Now hang me, if I don’t love thee for that dear disobedience. I love mischief strangely, as most of our sex do” – “Ja schlag’ mich tot, wenn ich dich für deinen teuren Ungehorsam nicht liebe. Ich liebe den Unsinn, wie die meisten unseres Geschlechts” (Übersetzung HC) und gibt gleich darauf bekannt, dass sie, ganz Calvi-nistin, im Karneval auf Jagd gehen will: “Nay, I’m resolved to provide myself this Carnival, if there be e’er a handsome proper fellow of my humour above ground, though I ask first” – “Nein, ich bin fest entschlossen, mich an diesem Karneval selbst zu versorgen, wenn es nur einen gutaussehnden, anständigen Kerl gibt, der nach meiner Laune ist – und wenn ich ihn selbst anmache.”

Zum Schluss der Szene schlägt sie alle Widrigkeiten in den Wind in einer Ansage, die man im Kontext der Szene verstehen muss (ein Bruder macht Probleme), man kann sie aber auch allgemeiner lesen: [Let’s] be as mad as the rest, and take all innocent freedoms. (…) We’ll outwit twenty brothers, if you’ll be ruled by me. Come, put off this dull humour with your clothes, and assume one as gay, and as fantastic, as the dress my cousin Valeria and I have providede, and LET’S RAMBLE.” [Kapitälchen HC] – “Lass uns so abgehen wie alle und uns alle unschuldigen Freiheiten nehmen. Wir tricksen zwanzig Brüder aus, wenn du tust, was ich dir sage. Komm, lass die schlechte Laune sein und deine lahmen Klamotten liegen und zieh einen von den abgefahrenen Fetzen an, die meine Base Valeria und ich besorgt haben und dann lass uns steil gehen!” Völlig klarer Fall, sie ist ein Alpha:

Hellena wird sich im Laufe der Handlung noch als Mann verkleiden und überhaupt alle Figuren und Geschicke mit am meisten lenken. Aber es gibt auch noch Edelkurtisane Angellica, die nach dem Tod ihres Verflossenen nach Neapel kommt, um sich neu und lukrativ zu verbandeln. Auf ihrer Jagd zögert sie nicht, die Pistole zu ziehen und Rache zu nehmen:

[Angelica] draws a pistol, and hold [it] to [Willmore’s] breast / Angellica zieht eine Pistole und zielt auf Willmores Brust

Willmore: [aside] Ha, ’tis not she. — Who art thou? and what’s thy business? / Ha! Das ist eine andere! — Wer sind Sie? Und was haben Sie vor?

Angellica: One thou hast injured, and who come to kill thee for’t. / Ich bin eine, die du verletzt hast und die gekommen ist, dich dafür zu töten.

Willmore: What the devil canst thou mean? / Was zum Teufel soll das heißen?

Angellica: By all my hopes to kill thee. / Dass all mein Hoffen daran gesetzt ist dich zu töten.

Kickass-Melodrama, man stellt sich dazu einen vor Luxus und Dekadenz schwelenden Soundtrack vor:

Vorhin wurde schon erwähnt, dass Anna Calvi eine klar beeinflusste Künstlerin ist, die diese Einflüsse nicht versteckt sondern schonungslos offen legt. “Sie macht sie sich zu eigen”, sagen die einen (HC mittenmang) , “sie kopiert” sagen die anderen (die rockistischen Philister). Die coole Koinzidenz ist nun jedoch, dass es Aphra Behn mit ihrem Rover nicht anders ging:

Behn reacted angrily to charges of plagiarism, and certainly she was following common practice in drawing on a source in earlier drama.

[Behn reagierte wütend auf Plagiatsvorwürfe, und sie folgte sicherlich gängiger Praxis, indem sie Material aus einem früheren Drama bezog.]

Aphra Behn, The Rover and Other Dramas, Ed. w/ an introd. by Jane Spencer. OUP: 1995, p. xiii.

Aber sie kopierte nicht, sie machte sich zu eigen wo sie nicht verbesserte:

Behn’s manipulation of the characters (…) shows her engaging in a thoughtful dialogue with the earlier play, revising its notion of heroic male and female roles, and in the process producing distinctive versions of such stock Restoration characters as the rakish hero, the abandoned mistress, and the witty heroine.

[Behns Manipulation der Figuren zeigt sie in einem aufmerksamen Dialog mit dem Vorgängerstück und revidiert dessen Auffassung von männlichen und weiblichen Heldenrollen und kreiert dabei ganz eigene Versionen solcher Standardfiguren der Restaurationsbühne wie dem Draufgängerhelden, der verlassenen Herzdame und der gewitzten Heldin.]

Aphra Behn, The Rover and Other Dramas, Ed. w/ an introd. by Jane Spencer. OUP: 1995, p. xiii.

Eine Vorgehensweise ganz nach Anna Calvis Geschmack möchte man meinen! Es geht um weibliche und männliche Handlungsmöglichkeiten und deren Verschiebbarkeit, Verhandelbarkeit und Veränderbarkeit:

The empowerment of the main female characters and the gentle fun poked at the rake’s dignity distinguish Behn’s version of the carnival world of comedy. It is masculine authority which is turned upside down in the Neapolitan carnival.

[Die Emanzipation der weiblichen Hauptfiguren und der sanfte Spaß, der mit der Würde des Draufgängers getrieben wird, sind die Aspekte, die Behns Version der karnevalesken Welt der Komödie herausragen lassen. Es ist die maskuline Macht die im neapolitanischen Karneval auf den Kopf gestellt wird.]

Aphra Behn, The Rover and Other Dramas, Ed. w/ an introd. by Jane Spencer. OUP: 1995, p. xiv.

Und genau dieses Attest lässt sich auch Anna Calvi ausstellen: sie macht sich zu eigen, wirft die althergebrachte Ordnung über den Haufen und beschwört einen karnevalesken Wirbel einer Geschlechterwelt im Fluss herauf, der diesseits von Bowie seinesgleichen sucht. Man liest es in ihrem Manifest, man hört es in ihrer Musik, man sieht es, wenn sie wie im Freiheiz auf der Bühne steht, stolziert, stampft und in der Fortsetzung des Belcanto mit anderen Mitteln den ganz großen Robert-Plant-Gedächtnis-Kreisch und den durchgedrehten Jimi-spielt-an-seiner-Gitarre-herum-Solisten in einem gibt.

Fragt sich nur noch: Wie heavy ist das denn? Sowohl Anna Calvi als auch The Rover kommen in die Heavizitätsklasse Alpdruck, aber wenn man sich eine Oper zu The Rover mit Musik von Anna Calvi vorstellt, dann dürfte das bis zur Kombinationsklasse “Heavy as Heaven” gehen. Falls Anna Calvi das je wirklich tut oder sich einer anderen frühneuzeitlichen Heldin annimmt (Die Herzogin von Amalfi, Vittoria Accarambona, die “weiße Teufelin” etwa!) – hier stand’s zuerst!

<tatsächliche Konzertreview> Dass Calvi auch das Theatrale ein zentrales Anliegen ist, merkt man an der perfekt durchchoreographierten Performance im Freiheiz. Während sie durch Songs (groß), Gestik (abgefahren, alle Register des (Melo)dramatischen ziehend) und Interpretation (präzise ausgeflippt) Unmengen spielend kommuniziert gibt es kein Aus der Rolle fallen und nur minimale verbale Interaktion, ein “Hallo München, wie geht’s?” wäre völlig aus dem Rahmen gefallen.

Die Bühne hat aber die Besonderheit eines Laufstegs ins Publikum, an dessen Ende ein zweites Mikrofon steht. Hier begibt sich Calvi in nächste Nähe zum Publikum, um intime, Anfangs leise dann Richtung Ekstase auszurastende Nummern wie Away zu spielen und sich eben so zu geben. Sie starrt aufreizend in gezückte, filmende Handies, und die Botschaft könnte nicht klarer sein: “Don’t beat the boy out of me” als Rat, den man zur eigenen Sicherheit besser befolgt. Sonst:

Von HC empfohlener HC hier

1 Halbseiden heißt nach dem Duden: aus Halbseide bestehend, außerdem  (umgangssprachlich abwertend, veraltend) homosexuell und (umgangssprachlich abwertend) [in aufdringlicher, geschmackloser Weise schick, teuer aufgemacht und dabei] unseriös; anrüchig, zwielichtig. Synonyme zu halbseiden: anrüchig, bedenklich, fragwürdig, schlecht/übel beleumundet, undurchsichtig, verrufen, von zweifelhaftem Ruf, zweifelhaft, zwielichtig; (gehoben) dubios; (bildungssprachlich) obskur, suspekt; (abwertend) dunkel, unseriös.